Warum das soziale Netz vieler Männer einen Haken hat

Aktualisiert: 6. Okt.

Viele Männer sind während ihres Berufslebens hervorragend eingebunden. Sie haben Arbeitskollegen, Kunden, Vereinskollegen, Nachbarn, Familie und Bekannte. Man trifft sich in Sitzungen, beim Kaffee, über Mittag oder auf ein Feierabend-Bier. Kontakte entstehen fast automatisch – oft über Jahrzehnte.
Dann nähert sich die Pensionierung. Und plötzlich stellt sich eine Frage: Welche dieser Menschen würde ich eigentlich noch sehen, wenn wir nicht mehr zusammenarbeiten würden? Genau an diesem Punkt kann sichtbar werden, was vorher kaum aufgefallen ist: Ein Teil des sozialen Netzes war eng mit dem Beruf verbunden. Und berufliche Nähe bedeutet nicht automatisch Freundschaft.
Wenn der soziale Autopilot plötzlich wegfällt
Während des Berufslebens müssen viele Kontakte nicht bewusst gepflegt werden. Man sieht sich, weil man am gleichen Ort arbeitet, erzählt vom Wochenende, diskutiert berufliche Herausforderungen oder geht gemeinsam Mittag essen.
Mit der Pensionierung fällt dieser gemeinsame Rhythmus weg. Studien zeigen, dass gerade weniger enge Kontakte beim Übergang in den Ruhestand häufig wegfallen, während enge Beziehungen stabiler bleiben. Das ist zunächst nicht überraschend. Entscheidend ist aber, was diese scheinbar beiläufigen Kontakte vorher bedeutet haben: ein kurzer Schwatz im Gang, jemand, der nachfragt, wie es einem geht, oder einfach das Gefühl, Teil eines Teams und Umfelds zu sein.
Der Freundschaftsforscher Steve Stiehler von der OST, Ostschweizer Fachhochschule beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Männerfreundschaften. Seine Arbeiten zeigen, dass Männer ihre Beziehungen häufig stark über gemeinsame Aktivitäten, Interessen und Erlebnisse pflegen. Der Kontakt entsteht über das gemeinsame Tun. Und genau darin liegt nach der Pensionierung eine mögliche Falle: Mit der Arbeit verschwinden nicht nur die Aufgaben. Es verschwindet auch ein wichtiger Ort für Begegnung.
„Wir bleiben natürlich in Kontakt“
Diesen Satz hört man bei fast jeder Pensionierung. Am letzten Arbeitstag gibt es einen Apéro, ein Geschenk, viele gute Wünsche und das Versprechen, sich bald wieder zu treffen und dann... Funkstille.
Nicht aus Ablehnung. Der gemeinsame Rhythmus fehlt einfach. Während man sich früher täglich oder wöchentlich automatisch begegnete, muss nun jemand aktiv werden: Eine Nachricht schreiben, einen Termin vorschlagen, nachfragen, Initiative zeigen. Eine qualitative Studie zur Pensionierung beschreibt genau diesen Wandel: Soziale Kontakte, die zuvor selbstverständlich zum Berufsalltag gehörten, müssen plötzlich aktiv gepflegt werden. Für manche Menschen ist das eine grössere Veränderung, als sie erwartet hatten.
Vielleicht liegt darin eine der grossen Illusionen rund um die Pensionierung: Wir gehen davon aus, dass ein bestehendes Netzwerk automatisch bestehen bleibt. Doch das ist nicht selbstverständlich.
Vielleicht waren es eben doch nur Kollegen
Das tönt hart. Ein Arbeitskollege kann einem sehr nahestehen. Man verbringt womöglich mehr Zeit mit ihm als mit vielen privaten Freunden. Trotzdem beruht die Beziehung häufig auch auf einer gemeinsamen Struktur: gleicher Betrieb, ähnliche Aufgaben, gemeinsame Projekte oder dieselben Probleme. Fällt diese Struktur weg, zeigt sich erst, welche Beziehungen tatsächlich halten. Das bedeutet nicht, dass Männer keine richtigen Freunde haben. Vielmehr scheint ein Teil ihrer sozialen Welt stärker an Situationen und gemeinsame Aktivitäten gebunden zu sein. Wenn sie verschwinden, müssen Beziehungen plötzlich ohne einen gemeinsamen Anlass funktionieren. Und genau das ist nicht für jeden selbstverständlich.
Männerfreundschaften funktionieren oft anders
Hier entsteht schnell ein Klischee: Frauen pflegen Freundschaften, Männer können das nicht - so einfach ist es nicht.
Stiehler betont, dass Männerfreundschaften keineswegs weniger tief oder wertvoll sein müssen. Vertrauen, Unterstützung, Verlässlichkeit und Zugehörigkeit sind für Männer genauso wichtig. Unterschiede zeigen sich eher darin, wie Nähe entsteht und gepflegt wird. Viele Männer treffen sich zum Wandern, Velofahren, Jassen, Fussballschauen, Werken oder für ein gemeinsames Projekt. Persönliche Gespräche entstehen dabei oft nebenbei. Man könnte sagen: weniger face to face, als viel mehr side by side.
Die Weichen werden oft schon früher gestellt
Die Pensionierung ist deshalb nicht zwingend der Anfang des Problems. Sie macht manchmal nur sichtbar, was sich über viele Jahre entwickelt hat. Zwischen Beruf, Partnerschaft, Kindern und Verpflichtungen bleibt in der Lebensmitte oft wenig Zeit für tiefe Freundschaften. Kontakte werden seltener, ohne dass man sie bewusst beendet. Man sieht einen guten Freund vielleicht nur noch zweimal im Jahr und empfindet ihn trotzdem weiterhin als engen Freund.
Das kann lange funktionieren. Männerfreundschaften können erstaunlich lange Ruhephasen überstehen. Aber eine ruhende Freundschaft ist nicht automatisch dasselbe wie ein tragfähiges soziales Netz. Wer über Jahrzehnte davon ausgeht, alte Kontakte jederzeit wieder aktivieren zu können, kann später feststellen, dass dies schwieriger geworden ist. Menschen haben sich verändert, sind weggezogen, gesundheitlich eingeschränkt oder leben längst in einem anderen Alltag.
Welche Rolle spielt die Partnerin?
Forschung und Praxis zeigen, dass Frauen in vielen Paarbeziehungen einen grösseren Teil der sozialen Kontaktpflege übernehmen. Sie pflegen Kontakte zu Freunden und Familie, erinnern an Geburtstage, organisieren Treffen oder laden andere Paare ein. Der Mann ist dabei durchaus Teil dieses sozialen Lebens – aber nicht unbedingt dessen Motor. Solange die Partnerschaft besteht, fällt das kaum auf.
Wenn eine Beziehung endet oder eine Partnerin verstirbt, kann sichtbar werden, wie viele Kontakte eigentlich über sie liefen. Gerade nach einer Verwitwung kann sich deshalb ein ganzer Teil des sozialen Alltags verändern. Das macht verständlich, weshalb ein Mensch auf dem Papier durchaus viele Bekannte haben kann und sich trotzdem plötzlich sehr allein fühlt.
Warum Männer vermeintlich nicht Einsam sind
Spannend ist, dass Männer in Befragungen seltener von Einsamkeit berichten als Frauen. Auch Schweizer Daten von Pro Senectute zeigen deutlich höhere Werte als bei Frauen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Einsamkeit für Männer weniger relevant ist. Auch Schweizer Daten von Pro Senectute zeigen höhere Einsamkeitswerte bei Frauen als bei Männern. Sie versuchen eher, selbst damit zurechtzukommen: Sie beschäftigen sich, ziehen sich zurück oder sprechen erst spät über Belastungen. Tief verankerte Rollenbilder, nach denen Männer stark und selbstständig sein sollen, können dabei eine Rolle spielen.
Vielleicht sagt ein Mann deshalb nicht: „Ich bin einsam.“ Vielleicht sagt er: „Seit der Pensionierung ist es ruhiger.“ Oder: „Die Kollegen sieht man halt nicht mehr so oft.“ Oder er sagt überhaupt nichts. Nicht jede Einsamkeit wird auch als solche benannt.
Ein neues Kapitel
Eine Schweizer Untersuchung des Gottlieb Duttweiler Instituts zeigt bei Pensionierten ein interessantes Bild: Ein Teil verfügt über ein grosses Netzwerk enger Freunde, während andere angeben, gar keine engen Freundschaften zu haben. Pensionierung führt also keineswegs automatisch zu Einsamkeit. Für manche beginnt eine sehr aktive und soziale Lebensphase. Für andere wird erst jetzt sichtbar, wie stark ihr bisheriges Netzwerk an Beruf und Partnerschaft gebunden war.
Vielleicht sollte zur Vorbereitung auf die Pensionierung deshalb nicht nur die Frage gehören: Reicht mein Geld?, sondern auch: Mit wem möchte ich meine neu gewonnene Zeit verbringen?
Denn ein soziales Netz muss nach der Pensionierung nicht einfach kleiner werden. Bestehende Freundschaften können bewusster gepflegt und neue Kontakte aufgebaut werden – beim Wandern, Jassen, Velofahren, bei gemeinsamen Interessen oder manchmal einfach bei einem Kaffee. Die Pensionierung kann damit nicht nur das Ende eines beruflichen Netzwerks sein, sondern auch der Anfang neuer Beziehungen.
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